Weltwirtschaft und Unternehmensverantwortung

22.04.2020

Wer sorgt für wen? Feministische Reaktionen auf die COVID-19-Pandemie ?

Die Coronakrise ist auch eine Frage von Geschlechtergerechtigkeit. Feministinnen in Indien haben dazu Forderungen formuliert. Ein Beitrag von Vibhuti Patel & Lea G?lnitz.

Bild: von istock / D. Talukdar

In ganz Asien sind Frauen vom Einbruch der Wirtschaft infolge der COVID-19-Pandemie schwer getroffen. Lockdowns und andere Beschr?nkungen haben schwerwiegende Auswirkungen auf alle Schichten der Gesellschaft. Informelle Arbeiter_innen sind jedoch besonders betroffen. Die meisten davon sind Frauen mit doppelten Belastungen in Haushalt und Job. Aufgrund des Lohnverlusts fehlt vielen Familien das Geld, das sie für die Miete und t?glichen Bedürfnisse ben?tigen. Sie sind Hunger, Unterern?hrung und Infektionen ausgesetzt. 

Die Pandemie deckt die Schlüsselrolle der unbezahlten Pflegearbeit von Frauen sowohl für die Wirtschaft als auch die Gesellschaft deutlich auf. In Asien wenden Frauen bereits 4,1-mal mehr Zeit für unbezahlte Pflegearbeit als M?nner auf. M?nner in der gesamten Region verbringen durchschnittlich eine Stunde pro Tag mit unbezahlter Haus- und Pflegearbeit, in Indien und Pakistan sogar nur eine halbe Stunde. Unter Lockdown-Bedingungen kommen auf Frauen neben der Kinderbetreuung und Hausarbeit jetzt noch zus?tzliche Aufgaben wie zum Beispiel Heimunterricht, intensivere Krankenpflege und Dienstleistungen für die Gemeinschaft. 

Darüber hinaus sind Frauen, die Pflegeverantwortung mit der Notwendigkeit Geld zu verdienen vereinbaren müssen, eher selbst?ndig, arbeiten in der informellen Wirtschaft und haben keinen bezahlten Krankenurlaub oder anderen sozialen Schutz. 

Empfehlungen für ein feministisches Wirtschaftsmodell

Die Auswirkungen der Pandemie auf die Weltm?rkte zerst?ren die Lebensgrundlage von Frauen in gef?hrdeten Sektoren auf der ganzen Welt. Die M?glichkeiten derjenigen, welche die Krise überstehen, wieder auf Kurs zu kommen, wird auch und vor allem von Geschlecht, Klasse und Herkunft abh?ngen.  

Feministinnen fordern seit langem eine gr??ere Anerkennung des Beitrags der Arbeit von Frauen zum Nationaleinkommen, zum Wirtschaftswachstum, zur nationalen Effizienz und Produktivit?t. Die Dringlichkeit dieses Anliegens zeichnet sich im Verlauf dieser Krise immer deutlicher ab. Untersuchungen zu früheren Pandemien wie Ebola haben erhebliche negative Auswirkungen auf die langfristige Gesundheit und wirtschaftliche Vulnerabilit?t von Frauen – auch über die Krise hinaus – festgestellt.  

Feministinnen weltweit haben ihre Anliegen schnell zum Ausdruck gebracht, Online-Ressourcen ausgetauscht, zur Solidarit?t aufgerufen und eine geschlechterspezifische staatliche Politik gefordert, um die au?ergew?hnlichen Herausforderungen der COVID-19-Pandemie zu bew?ltigen. UN Women hat für die Region Asien-Pazifik eine Bestandsaufnahme der ersten 100 Tage des COVID-19-Ausbruchs vorgenommen. Die Welt nach Corona, so der Appell, muss noch st?rker auf den Grunds?tzen der Menschenrechte und Geschlechtergleichstellung beruhen. 

Die politischen Empfehlungen und Forderungen konzentrieren sich auf die Einbeziehung von Frauen und marginalisierten Gruppen in alle Lebensbereiche, einschlie?lich Gruppen, die in vielen asiatischen L?ndern besonders ungeschützt sind, wie Migrant_innen und informelle Arbeitnehmer_innen. Besondere Aufmerksamkeit sollte beispielsweise den geschlechterspezifischen Auswirkungen der Digitalisierung und dem Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologie angesichts der Verlagerung auf Online-Bildung und Fernarbeit gewidmet werden. In den vielen Regionen Asiens, in denen eine weite digitale Kluft zwischen den Geschlechtern besteht, ist dies eine enorme Aufgabe. UN Women empfiehlt au?erdem einen st?rkeren intra- und überregionalen Austausch zu praxistauglichen Modellen, um den Herausforderungen zu begegnen. 

Forderungen von Feministinnen in Indien 

Ein Beispiel für Frauen und feministische Gruppen, die sich in der Krise engagieren und organisieren, ist Indien. Hier haben sich mehr als 300 Gruppen zusammengeschlossen, um spezifische Interventionen von staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren zu fordern: 

 

  1. Ern?hrungssicherheit für Tagel?hner im informellen Sektor, Migrant_innen und Haushalte, denen Frauen vorstehen; 
     
  2. Rechtzeitiger Zugang zu umfassendersexueller und reproduktiver Gesundheitsversorgung, wie Notfallverhütung und sichere Abtreibung sowie Versorgung mit Menstruationshygieneprodukten; Personal sollte darin geschult werden, Anzeichen von h?uslicher Gewalt zu erkennen;  
     
  3. Ungehinderter Zugang zu Bildung durch die Schaffung eines für Kinder im schulpflichtigen Alter geeigneten Bildungsradios und den Ausbau des kostenfreien Internets;  
     
  4. Explizite F?rderung einer gerechten Aufteilung der h?uslichen Aufgaben, auch durch Freistellung und Entsch?digung aller Arbeitnehmer_innen; 
     
  5. Zugang zu Notunterkünften und Informationen zur ?ffentlichen Gesundheit in mehreren Sprachen;
     
  6. Zugang zu Wasser und sanit?ren Einrichtungen;  
     
  7. Bereitstellung von pers?nlicher Schutzausrüstung (PSA) gegen Infektionen für Gesundheitspersonal an vorderster Front; 
     
  8. Einbeziehung von Frauen in die COVID-19-bezogene Entscheidungsfindung des Personals an der Front: ?rzt_innen, Krankenschwestern, Putzpersonal, Freiwillige von NGOs, die ihr Leben riskieren; 
     
  9. Bek?mpfung von h?uslicher Gewalt w?hrend des COVID-19 Lockdowns durch Bereitstellung aktiver Notrufnummern und sofortiger Intervention. 

 

Diese Ma?nahmen und Empfehlungen von Feministinnen sind nicht nur das Fundament für eine auf Geschlechtergleichheit und Gerechtigkeit beruhenden Gesellschaft. Sie sind auch von entscheidender Bedeutung, um die Widerstandsf?higkeit aller Teile der Gesellschaft für zukünftige Notf?lle und Katastrophen zu st?rken. 

 

Autorinnen:

Vibhuti Patel ist Professorin am Advanced Center for Women’s Studies der School of Development Studies des Tata Institute of Social Sciences in Mumbai. Ein Team der Universit?t, darunter auch Patel, war Teil der 300 Gruppen, die sich online organisierten, um die Empfehlungen zu formulieren.  

Lea Goelnitz arbeitet als Programmmanagerin im FES-Büro für Regionale Zusammenarbeit in Asien (Singapur) und leitet die regionalen Programme zu Feminismus und zu Frauen und der Zukunft der Arbeit.  
 

Die in dieser Blog-Serie ge?u?erten Ansichten sind nicht unbedingt die der Friedrich-Ebert-Stiftung. 

Dieser Artikel erschien im Original in Englisch als Teil des FES Asia Corona Brief.

 

 


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