04.11.2020

Kultur in der Krise

Was denken Kulturschaffende über die neuen Corona-Schlie?ungen zur Eind?mmung der Pandemie?

Bund und L?nder haben am 28. Oktober 2020 weitreichende Beschlüsse gefasst, um den Anstieg der Corona Neuinfektionen einzud?mmen. Darunter fallen ebenfalls einschneidende Ma?nahmen und Schlie?ungen des Kulturbetriebes. Seit Montag, den 2. November 2020, sind Theater, Museen, Kinos, Opernh?user und andere Kultureinrichtungen einen Monat lang geschlossen. Doch was bedeuten die erneuten Schlie?ungen für die Branche und die Kulturschaffenden selbst? Wir haben dazu mit Dieter Ripberger, Intendant des Tübinger Zimmertheaters und der Schriftstellerin und Journalistin Tanja Dückers gesprochen. Beide sind  Autor_innen der jüngst beim Dietz Verlag erschienenen Anthologie Echor?ume des Schocks. Wie uns die Corona-Zeit ver?ndert. Reflexionen Kulturschaffender und Kreativer

Die Beitr?ge entstanden M?rz bis Ende Juni 2020, also unmittelbar unter dem Eindruck der Ausgangsbeschr?nkungen – jetzt gerade im November erleben wir eine Neuausgabe und damit auch eine Versch?rfung der in diesem Buch beschriebenen Probleme. Das ansprechend gestaltete und sehr lesbare Buch hat nichts an Aktualit?t verloren, sondern im Gegenteil neue gewonnen. Die Fragen, wie es in und nach der Pandemie weitergeht und welche Chancen sich für ein neues solidarisches und demokratisches Miteinander ergeben (k?nnten), sind nur noch dr?ngender geworden. (culturmag.de)

 

?See you in December!“

Ein Kommentar von Dieter Ripberger, Intendant des Tübinger Zimmertheaters
 

Die Kultur ist hart getroffen. Es tut weh, nach all den Anstrengungen der letzten 7 Monate im November wieder schlie?en zu müssen. Dazu ein paar Gedanken.

Ein verbreitetes Argument ist: es gibt keine Evidenz für ausgel?ste Infektionsketten in Theatern. Das (scheinbare) Gegenargument im Bund-L?nder-Beschluss lautet: 75% der Ansteckungen sind nicht mehr nachvollziehbar. Der Schluss jedoch, dieses 75%-Nichtwissen pulverisiere unsere vermeintlichen Erfolge bei der Vermeidung von Ansteckungen, verkennt Folgendes: 25% der F?lle sind lokalisierbar. Das ist verdammt repr?sentativ und darunter befindet sich keine Kultureinrichtung.

Es ist daher schon wesentlich mehr als der gute Glaube und die innere überzeugung, die dafür sprechen, dass die ausgefeilten Hygienekonzepte bislang gottlob wirken.

Was aber halt auch stimmt: wir k?nnen einfach nicht statistisch leben. Ich meine: wir dürfen von der Politik saubere Argumentation und gute Gründe einfordern. Und wir dürfen selbstverst?ndlich indigniert sein, im Spiegelstrich oberhalb der Bordelle aufzutauchen.

Gef?hrlich finde ich es aber, die Exekutive auf dem Niveau derer zu attackieren, die die Pandemie für ihre politischen Absichten missbrauchen wollen. Das ist Wasser auf die Mühlen der Falschen.

Wissenschaft generiert reversibles Wissen. Politisches Handeln ist nicht reversibel. Wir sollten respektieren, dass es für diese Jahrhundertnotlage kein Patentrezept gibt. Deshalb werfe den ersten Stein, wer jetzt mit absoluter Sicherheit wei?, was richtig ist. Und vor allem pl?diere ich dafür, solidarisch mit denen zu sein, die jetzt Tag und Nacht ihre Energie, ihr Wissen und ihr K?nnen für die Leben Anderer einsetzen. Keiner kann Kühllaster auf den Stra?en wollen. Wie war das mit dem Tarifabschluss gerade?

Die Exekutive sollte jetzt überlegen, ob das Verdr?ngen der Menschen ins Private und in den Untergrund wirklich dazu beitr?gt, das Risiko einer Ansteckung abzusenken. Oder ob nicht im Gegenteil die ?ffentlichen R?ume, die (nicht nur) sozialer Kontrolle unterliegen, nicht die wahren Wellenbrecher sein k?nnen. See you in December!

Der Bundestagspr?sident hat schon im Frühjahr gezeigt, auf welcher anspruchsvollen diskursiven Welle die deliberative Demokratie surfen kann: ?Die Menschenwürde schützt nicht vor dem Sterben müssen.“

Die Exekutive muss daher auf diesem argumentativen Niveau die aktuellen und folgenden politischen Entscheidungen begründen und die grundrechtlichen Güter sorgsam abw?gen. Die Kunstfreiheit geht von Startplatz 5,3 GG aus ins Rennen. (Wo nochmal steht Saturn im Grundgesetz?)



Zum ?Wellenbrecher-Lockdown“ im November

Ein Kommentar von Tanja Dückers, Schriftstellerin und Journalistin
 

Um es gleich vorab zu sagen: die Fallzahlen sind beunruhigend, und der Blick auf die Lage in den hiesigen Krankenh?user auch. Nur noch 156 freie Intensivstationsbetten (diese Zahl wird bei Erscheinen des Artikels nicht mehr aktuell sein) für eine 3,8-Millionen-Metropole klingen nicht gut, zumal stets die Rede davon ist, dass man ?mehr Betten als Personal hierfür“ habe. Ja, es muss etwas passieren. Doch richtet ein derart planloses Herunterfahren des kulturellen Lebens in Deutschland nicht am Ende mehr Schaden als Nutzen an?

Werden durch fl?chendeckende Kino-, Theater- , Konzerthaus-, Tanzbühnen- und Opernschlie?ungen, durch den Shutdown von Museen, Galerien, Showrooms, Literaturh?usern, Lesebühnen und vielen, vielen kulturellen R?umen mehr wirklich die Fallzahlen signifikant gesenkt? Das muss stark angezweifelt werden.

Kultureinrichtungen haben sich seit Beginn der Pandemie um Hygienkonzepte bemüht
 

Bislang ist kein einziger Corona-Ausbruch, kein Cluster, kein Superspreader-Event der Kulturszene nachweisbar. Keiner. Sicher, im Moment sind 75 Prozent der Infektionen nicht mehr rückverfolgbar, also kann kein Lebensbereich für sich reklamieren, in gar nicht zu Fallzahlen beizutragen. Aber: im Zweifelsfall für den Angeklagten, es gilt die Unschuldsvermutung. Zumal gerade die Kultureinrichtungen sich im besonderen Ma?e um Hygienekonzepte bemüht und meist gut durchdachte Ma?nahmen eingeführt haben, früher als der Bundestag beispielsweise.So entsteht der Eindruck, dass diejenigen, die sich bisher als besonders ?compliant“, wie man in der Medizin sagt, also als besonders kooperativ erhalten haben, nun abgestraft werden. Doch die Kulturschaffenden, zu denen auch viele Branchenvertreter_innen  mit gutem Medienzugang sowie in der  ?ffentlichkeit sehr bekannte Künstler_innen geh?ren, sind für die Bundesregierung in dieser pr?zedenzlosen Situation wichtig! Spielt dieser ?Wellenbrecher“ nicht vielmehr den Coronaleugnern und –skeptikern in die H?nde, denen sich jetzt m?glicherweise noch deutlich mehr Menschen anschlie?en werden?

Wie zielführend ist der Kultur-Shutdown?
 

Nicht einmal unter rein epidemiologischen Aspekten erscheint dieser Kultur-Shutdown zielführend. Es bleibt zu befürchten, dass die Menschen sich nun statt zu Kulturveranstaltungen im privaten Bereich treffen, denn der Wunsch nach N?he, nach Austausch, nach Erleben bleibt ja bestehen. Das ist aber viel gef?hrlicher als ein markierter Sitzplatz im Theater oder ein Ausstellungsbesuch, mit reduzierter G?stezahl  und Maske.

W?re es nicht sinnvoller, das Personal von Gesundheits?mtern durch schnell ausgebildetes Personal für diesen Zweck aufzustocken, um der gef?hrlichen, unkontrollierten Ausbreitung entgegenzutreten  - anstatt alles was ?sch?n“ ist, zu schlie?en?

Kultur versus Kapitalismus?
 

Der Berliner Kultursenator hat seiner Irritation Ausdruck verliehen, in dem er der Berliner Zeitung sinngem?? sagte: Ein Monat lang ohne Kultur sei schon krass und nicht mehr vermittelbar. Wie soll man den Bürgerinnen und Bürgern erkl?ren, dass ein Theaterhaus schlie?en muss, aber weiter munter durch eine Shoppingmall geschlendert werden darf? Er gab sich selber die ironische Antwort mit ?Das wei? nur der Kapitalismus“.

Ebenso bevorzugt werden schon wieder die Kirchen. Gottesdienste dürfen weiter stattfinden, Lesungen in Literaturh?usern, Vortr?ge in Akademien aber nicht. Das ist nicht nachvollziehbar. Dazu noch eine Randbemerkung: Welcher Logik folgt die Bestimmung, dass bei konfessionellen Beerdigung mit Pfarrer 30 Trauerg?ste kommen dürfen, bei einer weltlichen, ohne Kirchenpersonal, jedoch nur 10?

Es bleibt ein übler Nachgeschmack
 

Die Mehrzahl der Kulturschaffenden und mit ihnen auch das kulturinteressierte Publikum (darunter viele ?ltere Mitbürger_innen) ist bisher den Ma?nahmen der Bundesregierung gefolgt. Doch jetzt wird den  Kulturvertreter_innen vermittelt, nur von terti?rer Relevanz zu sein. Anstatt sich die Mühe zu machen, vielleicht noch genauer zu überlegen, wie man Hygienekonzepte angesichts rasant steigender Infektionszahlen verfeinern kann, h?lt man sich von politischer Seite nicht lange mit den sehr unterschiedlichen Formaten und M?glichkeiten von Kultureinrichtungen auf, sondern shuttet alles rigoros down. Man bemüht sich nicht um ein differenziertes Handeln und Entscheiden. Hier vermisst man eindeutig mehr Sorgfalt, mehr Hinwendung, mehr Kenntnis und Expertise. Denn die meisten Vertreter_innen von Kultureinrichtungen h?tten sich zum Beispiel an einer st?rkeren Etablierung von Hybridkonzepten – einer Kombination aus Pr?senz- und Online-Veranstaltungselementen – beteiligt oder sich um noch bessere Lüftungskonzepte bemüht. Wenn man sie denn mal gefragt, zu Rate gezogen h?tte. Und ihnen nicht nur vorgeschrieben h?tte, was ab Montag l?uft oder nicht.

Es ist den Entscheider_innen offenbar auch nicht klar oder egal, was es – monet?r wie psychologisch – für eine gesellschaftliche Gruppe bedeutet, wenn sie pauschal mit einem Aufführungsverbot, also einem partiellen Berufsverbot, belegt wird. Kunst und Kultur entstehen eben nicht nur im stillen K?mmerlein, sondern auch in der Interaktion, durch Resonanz und Teilhabe.

Wo bleibt bei diesem ?Wellenbrecher-Lockdown“ die ?ffentliche Wertsch?tzung der Kultur in Deutschland?
 

Und was erwidert die Politik?

Wer Kultur mit Freizeit gleichsetzt, zerst?rt die Fundamente der offenen Gesellschaft
 

Die coronabedingte Schlie?ung von Kulturorten wird deren Bedeutung nicht gerecht. Ein Kommentar von Dr. Carsten Brosda, Kultursenator Hamburg.

Den Beitrag lesen Sie hier.

 

 

?Wir fühlen uns ungerecht behandelt, Olaf Scholz“
 

H?ren Sie hier ein Interview mit Vizekanzler Olaf Scholz zum Wellenbrecher-Lockdown.


Das l?uft in der FES zum Thema

7. Kulturpolitisches Fachforum "Kultur(Politik) als Aufruf!" Gestaltung gesellschaftlicher R?ume und Erkundung von Zukunft
 

Die Corona-Pandemie hat den Kultur- und Kunstbereich besonders hart getroffen. Wie k?nnen wir Kunst, Kultur und kulturelle R?ume noch besser als bisher st?rken und schützen? Das ist eines der Themen unseres digitalen 7. Kulturpolitischen Fachforums, dass am 27. November 2020 startet. 

Alle Infos zur Tagung und das Programm finden Sie hier.

 

Kultur in ihren vielf?ltigen Ausdrucksformen bildet das Fundament einer Gesellschaft. Sie ist der Pfad zur eigenen Identit?tsfindung und weitet den Blick für fremde Welten. Literatur, Musik, bildende Kunst, Architektur, Theater oder Film schaffen eine phantasievolle Grundlage für die Auseinandersetzung mit den politischen und kulturellen Realit?ten des Alltags. Mehr zur kulturpolitischen Arbeit der FES finden Sie hier.

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